Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung.
Neulich beschloss Holger, das Glück zu finden.
Er begann dort, wo heutzutage alle suchen: im Internet.
Nach drei Stunden hatte er ein Abo für Achtsamkeit, zwei Online-Kurse zur Selbstoptimierung, eine Yogamatte aus recycelten Alpakas und versehentlich eine Mitgliedschaft in einem finnischen Männerchor abgeschlossen.
Das Glück war nicht dabei.
Dafür hatte er jetzt ein schlechtes Gewissen, weil er die Yogamatte bei Amazon bestellt hatte, um 3,80 Euro Versandkosten zu sparen.
Also kaufte er sich zur Ablenkung ein neues Handy.
Das machte ihn ungefähr acht Minuten glücklich.
Dann stellte er fest, dass es dieselben Nachrichten zeigte wie das alte.
Nur in höherer Auflösung.
Er versuchte es mit einem Ratgeber:
„Die sieben Geheimnisse des Glücks.“
Nach Kapitel drei war Holger so gestresst von all den Dingen, die man tun musste, um glücklich zu werden, dass er den Rest nie mehr las.
Schließlich fragte er einen Freund.
Old School.
Persönlich.
„Wo findet man eigentlich Glück?“
Der überlegte kurz.
„Keine Ahnung. Aber ich glaube, es wohnt nicht in einem Online-Kurs.“
Holger nickte.
Dann saßen sie schweigend auf einer Bank, tranken Kaffee und schauten einem Hund dabei zu, wie er voller Begeisterung einen Stock ins Wasser warf, um ihn anschließend selbst wieder herauszuholen.
Für einen Moment war Holger ziemlich glücklich.
Fast so glücklich wie der Hund.
Was natürlich ärgerlich war.
Denn jetzt konnte er niemandem mehr erzählen, dass Glück kompliziert sei.
Studien zeigen etwas Erstaunliches.
Menschen, die im Lotto gewinnen, sind oft nur für wenige Monate deutlich glücklicher.
Und Menschen, die nach einem schweren Unfall querschnittsgelähmt werden, berichten häufig, dass sie nach einigen Jahren wieder ein ähnliches Glücksniveau erreichen wie vor dem Unfall.
Glück hängt also viel weniger von unseren Umständen ab, als wir vermuten.
Vor ein paar Monaten saß ich mit einem Glas Rotwein allein in unserem Garten.
Der erste warme Frühlingsabend.
Vorher hatten meine Frau und ich gemeinsam Pasta gegessen, inzwischen war sie in einer Zoom-Konferenz und ich blieb noch draußen sitzen.
Aus dem Lautsprecher lief Peter Gabriels The Book of Love – das Lied, das ich meiner Frau einmal zur Silberhochzeit gesungen habe.
Über mir zogen riesige Quellwolken vorbei.
Und plötzlich war sie da.
Dankbarkeit.
Nicht spektakulär.
Nicht geplant.
Einfach da.
Das Seltsame war:
Nur wenige Tage zuvor hatte ich eine ziemlich niederschmetternde Gesundheitsdiagnose bekommen.
Ich habe schon besseren Wein getrunken.
Unter schöneren Himmeln gesessen.
Und bessere Musik gehört.
Aber dieses Geschenk hatte ich damals oft gar nicht bemerkt.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis.
Glück ist oft schon da.
Wir übersehen es nur erstaunlich häufig.
Deshalb finde ich einen Gedanken aus der jüdischen Tradition so schön:
Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung.
Wenn ich die guten Momente vergesse, gewinnen die schweren automatisch mehr Gewicht.
Wenn ich mich an das Gute erinnere, kann ich davon leben, wenn das Leben dunkel wird.
Vielleicht fordert die Bibel deshalb so oft zum Erinnern auf:
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Die schwierigen Tage verschwinden dadurch nicht.
Aber sie bekommen nicht mehr das letzte Wort.
Segen
Der Herr segne euch.
Er schenke euch Augen für die kleinen Glücksmomente,
die sich oft besser verstecken als Autoschlüssel.
Er schenke euch die Gelassenheit,
nicht jedem Glück hinterherzulaufen,
als wäre es ein Sonderangebot bei Aldi.
Und er befreie euch von der Vorstellung,
ihr müsstet euer Glück selbst herstellen.
Denn manches Schöne im Leben
lässt sich nicht planen,
nicht kaufen
und nicht erzwingen.
Es kann nur empfangen werden.
Und wenn schwere Tage kommen,
möge Gott euch die Erinnerung an das Gute bewahren.
Denn die dunklen Momente verschwinden nicht immer.
Aber sie müssen nicht das letzte Wort haben.
So begleite euch der Gott,
der schon heute kleine Spuren des Himmels in unser Leben legt.
Amen.